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Gedenkstätte Friedhof Grossschweidnitz
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2002 wurde das einhundertjährige Bestehen des heutigen Sächsischen Krankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie begangen. Viel Positives wurde in diesem Zeitraum in dieser Einrichtung geleistet. Dem gegenüber steht eine schwere Erblast seit der Zeit des Dritten Reiches und den damit verbundenen Verbrechen an psychisch kranken Menschen, welche im Nazijargon zynisch als >Ballastexistenzen< diffamiert wurden. Der Gedenkstein auf dem Friedhof Großschweidnitz soll als Mahnung an dieses düstere Kapitel dienen und bei der Aufarbeitung der über lange Zeit verdrängten Epoche helfen. Trotz der besonders nach der Wende erschienenen Publikationen zum Thema >Großschweidnitz und die Krankenmordaktion im Dritten Reich< scheint immer noch ein deutlicher Informationsmangel zu bestehen. Ich möchte deshalb diesen >Stein des Anstoßes< als Anlass für eine kurze Erinnerung an den Sinn der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof Großschweidnitz nehmen.

Die Entwicklung der deutschen Psychiatrie machte unter der nationalsozialistischen Führung einen verhängnisvollen Wandel von einer weltweit anerkannten medizinischen wissenschaftlichen Fachrichtung zu einem menschenverachtenden Verwahr- und Vernichtungswesen durch. Dabei kam es durch die zunehmende praktische Umsetzung rassenhygienischer Prinzipien und besonders >Vernichtung lebensunwerten Lebens< zu katastrophalen Veränderungen. Das rassenpolitische Dogma setzte den Lehrenvon derGleichheit aller Menschen, von der grundsätzlich unbeschränkten Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat, die Lehre von von der naturgesetzlichen Ungleichheit und Verschiedenartigkeit der Menschen entgegen. Nach einer am 1. September 1979 vorgelegten Denkschrift der >Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie< (DGSP) fielen der sogenannten >Euthanasie-Aktion< (Vernichtung sogenannter >Ballastexistenzen< von 1939 bis Kriegsende) vermutlich 120 000 psychisch Kranke und geistig-körperlich Behinderte zum Opfer. Davon am stärksten betroffen waren die Patienten der zum größten Teil um die Jahrhundertwende entstandenen psychiatrischen Großkrankenhäuser, so auch die Anstalt Großschweidnitz.

Die genaue Anzahl der >Euthanasiefälle< in Großschweidnitz läßt sich nicht exakt bestimmen. Neben den nachweisbaren Verlegungen im Rahmen der >T4-Aktion< (Zentrale Krankenmordaktion in Tötungsanstalten), welche in der Zeit vom 2. Juli 1940 bis zum >Euthanasie-Stop< nach Pirna-Sonnenstein zur Vergasung erfoilgten, kam es auch schon während der zentralen Krankentötung in Großschweidnitz zu Fällen von >passiver Euthanasie<, das heißt zu einem drastischen Anstieg der Todesfälle durch Mangelernährung und Minderversorgung.Dies belegt die deutlich ansteigende Sterberate (Todesfälle des Jahres durch die Summe der Zugänge und des Patientenstandes per 1. Januar des Jahres) in den Jahren 1940 und 1941. Im Zeitraum 1939 bis 1945 erreichten insgesamt 119 Sammeltransporte mit 2485 männlichen und 3537 weblichen Patienten die Landesanstalt Großschweidnitz, das macht eine Zahl von 6022 Kranken aus. Zu diesen Zahlen kommen 1944 noch 613 psychiatrische und 191 nicht psychiatrische Sammeltransportverlegte hinzu, dies erhöht die Gesamtzahl auf 6635 psychiatrische Kranke. der letzte nachweisbare Sammeltransport erfolgte am 19. Dezember 1944 aus Zschardraß mit 5 männlichen und 15 weiblichen Patienten. Ob bis Kriegsende 1945 weitere Sammeltransporte eintrafen, ist nicht belegt, und auf Grund der linear zu den Sterbezahlen rapide abnehmenden Belegungszahlen eher unwahrscheinlich, so daß eine Sterberate von 67,8 Prozent anzunehmen ist. Die Zahl von insgesamt 5717 Totenim Zeitraum 1939 bis zum 3. Mai 1945 verdeutlicht den Umfang der Euthanasie in Großschweidnitz im Rahmen der >passiven< und der >wilden< Krankenmorde. Rechnet man die Opfer der >T4< Aktion auf dem Sonnenstein hinzu, erhält man eine Zahl von Euthanasieopfern, welche zwischen 5536 und 8198 liegt, wobei die Zahl in Anbetracht der beim unteren Wet nicht berücksichtigten letzten Kriegsmonate (1. Oktober 1944 bis 3. Mai 1945) und eines neben der >aktiven< Euthanasie ständig präsenten >passiven< Massensterbens wohl nahezu 8000 betragen dürfte. Diese Zahlen verdeutlichen auch, daß der überwiegende Anteil der der >Euthanasie<-Tötungen in Großschweidnitz selbst erfolgte. Es kann somit die während der Aktion T4 als Zwischen- und Sammelanstalt fungierende Einrichtung auch als Vernichtungsanstalt bezeichnet werden, und das nicht nur ausschließlich in der Zeit nach dem sogenannten >Euthanasie-Stop<, sondern während der gesamten Kriegsjahre.

Die Verbrechen in Großschweidnitz überstiegen jegliches Vorstellungsvermögen, und es bedarf einer weiteren Aufarbeitung und Aufklärung. Nicht zuletzt ist diese Bearbeitung in einer Zeit notwendig, in der immer wieder Diskussionen über Sterbehilfe aufgeworfen werden. Eine wichtige Erinnerung an diese schreckliche Epoche ist die Errichtung diser Gedenkstätte auf dem Gräberfeld des Friedhofes, wo ein Großteil der Opfer der Krankenmordaktion begraben sind.



OA Dr. med Krumpholt, CA der Neurologischen Klinik Großschweidnitz